Warum Deutschland noch keine Bundespräsidentin gewählt hat
Bundespräsidentin

Warum Deutschland bislang noch keine Bundespräsidentin hatte

In der Bundesversammlung scheiterten 8 Frauen daran, Bundespräsidentin zu werden. Während manche Kandidaturen nur Zählkandidaten waren, haben andere Frauen damit die Wahl des Bundespräsidenten stark beeinflusst.

Nadine Behncke

Voraussetzung für das Amt des Bundespräsidenten

Die formalen Voraussetzungen für das Amt des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin sind relativ eindeutig.

So erklärt z.B. der Focus in einem Artikel, das für die Wahl die deutsche Staatsbürgerschaft und ein Mindestalter von 40 Jahren notwendig sind. Zudem darf der oberste Vertreter des Landes keiner Regierung oder gesetzgebenden Körperschaft mehr angehören. Und auch die Ausübung eines Berufes, Gewerbes oder Amtes durch das er eine Vergütung erhält, sind nicht erlaubt. Frühere Bundespräsidenten haben die politischen Voraussetzungen noch strenger ausgelegt und nach ihrer Wahl ihre Parteimitgliedschaft ruhen lassen.

Die formalen Voraussetzungen machen jedenfalls keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. De fakto kann also auch eine Frau gewählt und Bundespräsidentin werden. Eine Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin muss von einem Mitglied der Bundesversammlung zur Wahl vorgeschlagen werden. Da nun einmal die Parteien über den Bundestag und die Landtage auch die Zusammensetzung der Bundesversammlung bestimmen, obliegt es praktisch auch ihnen eine Kandidatin oder einen Kandidatin vorzuschlagen.

Diese Frauen konnten Deutschlands Bundespräsidentin werden

1. Marie-Elisabeth Lüders (1954)

Marie-Elisabeth „Lisbeth“ Lüders war eine deutsche Politikerin und Frauenrechtlerin. Ihr Wirken für die Rechte der Frauen kann nicht unterschätzt werden. Sie war in vielen männerdominierten Bereichen „die erste Frau“. So war sie etwa die erste Frau in Deutschland, die einen Doktortitel besaß (Dr. rer pol). Sie trat zwar nicht offiziell als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten an. Aber bei der Wiederwahl von Theodor Heuss erhielt sie trotzdem eine Stimme. Sie ist damit die erste Frau, die passiv bei der Wahl zum Bundespräsidenten in Erscheinung trat.

2. Annemarie Renger (1979)

Anne-Marie Renger war eine sozialdemokratische Politikerin. Sie war von 1972-1990 zuerst Präsidentin (bis 1976) und dann Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Sie war damit die erste Frau, die an der Spitze des deutschen Parlamentes stand. 1979 kandidierte sie als erste Frau für die SPD um das Amt des Bundespräsidenten. Sie unterlag mit 431 zu 528 Stimmen dem CDU-Kandidaten Carl Karstens. Die 66 FDP-Abgeordneten hatten sich der Stimme enthalten. Unter einer anderen politischen Ausgangslage hätte Annemarie Renger vielleicht Deutschlands erste Bundespräsidentin werden können. Sie war auf jeden Fall eine aussichtsreiche Kandidatin.

3. Luise Rinser (1984)

Luise Rinser war eine deutsche Schriftstellerin und politische Aktivistin. So demonstrierte sie etwa mit den Schriftstellern Heinrich Böll und Günther Grass gegen den NATO-Doppelbeschluss. Sie wurde von den GRÜNEN, nachdem sie 1982 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden waren, als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen. Sie unterlag in der Wahl Richard von Weizsäcker. Da Richard von Weizäcker akzeptierter Kandidat aller übrigen Parteien war, fiel ihr Ergebnis mit 6,5 % der Stimmen entsprechend gering aus.

4. Hildegard Hamm-Brücher (1994)

Die liberale deutsche Politikerin Hildegard Hamm-Brücher war journalistisch tätig, Frauenrechtlerin und pflegte parteiübergreifende Freundschaften. 1994 trat die Grande Dame der FDP als Kandidatin für das Amt des Bundestagspräsidenten an. Bei dieser Wahl traten zum ersten Mal seit langem wieder 5 Kandidaten an. Obwohl die Hauptkandidaten von der CDU (Roman Herzog) und der SPD (Johannes Rau) stammten, war Hildegard Hamm-Brücher weit mehr als nur eine „Zählkandidatin“. Sie erhielt sowohl im ersten als auch im zweiten Wahlgang knapp 10% der Stimmen.

Und die beiden Hauptkandidaten konnten so nicht die Mehrheit erhalten. Erst als Hildegard Hamm-Brücher für den dritten Wahlgang ihre Kandidatur zurückzog, konnte sich Roman Herzog mit der absoluten Mehrheit durchsetzen. Hildegard Hamm-Brücher konnte zwar aufgrund der politischen Mehrheitsverhältnisse nie Bundespräsidentin werden. Aber sie war –wie die abgegebenen Stimmen zeigen- einer ernsthafte Kandidatin für das Amt.

5. Dagmar Schipanski und Uta Ranke-Heinemann (1999)

Die Wahl zum Bundespräsidenten von 1999 ist die bislang einzige Wahl, bei der zwei Frauen als Kandidatin von Parteien nominiert wurden. Die CDU/CSU nominierte die Professorin und Politikerin Dagmar Schipanski. Sie unterlag dem SPD-Kandidaten Johannes Rau im zweiten Wahlgang mit knapp 43 % der Stimmen. Die Wissenschaftspolitikerin hatte gute Chancen Deutschlands erste Bundespräsidentin zu werden. Die Theologin und Autorin Uta Ranke-Heinemann war Kandidatin der PDS. Sie erhielt im ersten Wahlgang etwas über 5 % der Stimmen. Ihre Aussichten auf das Amt des Bundespräsidenten waren auch deshalb so niedrig, da sie keine Stimmen außerhalb ihrer Partei erhielt.

6. Gesine Schwan (2004, 2009)

Die Politikwissenschaftlerin und Sozialdemokratin Gesine Schwan ist die einzige Frau, die zweimal als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten antrat. Sie trat sowohl 2004 als auch 2009 gegen Horst Köhler (CDU) an. Bei beiden Kandidaturen scheiterte sie allerdings bereits im ersten Wahlgang. Hervorzuheben ist aber, dass bei dieser Wahl zum ersten Mal beide Volksparteien recht unbekannte Personen nominierten, die zudem keine Politiker waren. Wobei diese Aussage für Horst Köhler durch seine Beschäftigung in verschiedenen Ministerien nicht ganz zutreffend ist.

Gesine Schwan unterlag zwar bereits im ersten Wahlgang gegen Horst Köhler. Sie erhielt allerdings auch mindestens 10 Stimmen aus dem CDU-Lager. Horst Köhler erhielt nur eine Stimme mehr als sie für die absolute Mehrheit erforderlich war.

7. Luc Jochimsen (2010)

Lukrezia Luise „Luc“ Jochimsen ist eine Sozilogin, Fernsehjournalistin und Politikerin. Die Linke nominierte sie 2010 als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten nachdem Horst Köhler zurückgetreten war. Sie erhielt viel Aufmerksamkeit, aber auch Kritik für ihre Aussage, dass die DDR als Diktatur ein unverzeihliches Vergehen an seinen Bürgern begangen habe, aber juristisch kein Unrechtsstaat gewesen sei. Aufgrund der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung ermöglichte sie die Wahl von Christian Wulff. Sie erhielt in den ersten beiden Wahlgängen ca. 10% der Stimmen.

Im dritten Wahlgang zog sie ihre Kandidatur zurück. Man kann ihre Rolle aber nicht mit der von Hildegard Hamm-Brücher vergleichen. Denn Luc Jochimsen erhielt keine Stimmen außerhalb ihres Lagers. Zudem enthielten sich so gut wie alle „Die Linke“ Abgeordneten im dritten Wahlgang ihrer Stimme.

8. Beate Klarsfeld (2012)

Die Partei „Die Linke“ schickte 2012 die deutsch-französische Journalistin Beate Klarsfeld in das Rennen um das Amt des Bundespräsidenten. Sie war die Gegenkandidatin von Joachim Gauck. Sie unterlag im ersten Wahlgang mit 10,2% der Stimmen. Da Joachim Gauck gemeinsamer Kandidat aller übrigen Parteien war und Beate Klarsfeld zudem recht unbekannt, kann ihre Kandidatur nur als „Zählkandidatur“ gewertet werden.

About the Author Nadine Behncke

Promovierte Volkswirtin und überzeugte Europäerin. Ihre Schwerpunkte sind die Entwicklung und Herausforderungen der EU mit ihren Auswirkungen und Folgen auf Deutschland und seine Bevölkerung. Sie schreibt auf Think About zu Politik, Wirtschaft & Geschichte in Europa, um Wissen zu vermehren und zur Diskussion beizutragen.

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