Konjunktur

Internationaler Konjunkturzusammenhang: Definition & Beispiel

By Nadine Behncke

Februar 17, 2020

Ein internationaler Konjunkturzusammenhang besteht zwischen Ländern, die miteinander handeln. Oder zwischen denen andere wirtschaftliche Beziehungen bestehen. In diesem Artikel fassen wir euch den internationalen Konjunkturzusammenhang zusammen. Und zeigen euch mit einem Beispiel seine Wirkungsweise auf.

Definition

Internationaler Konjunkturzusammenhang: Beschreibt, dass das BIP eines Landes von Exporten und Importen abhängt. Exporte haben einen ähnlich starken makroökonomischen Effekt wie die Nachfragegrößen Investitionen und privater Konsum.

Oder anders formuliert: Eine Volkswirtschaft, die sehr aktiv am internationalen Handel teilnimmt, ist abhängig von der konjunkturellen Entwicklung des Handelspartners. Dies trifft sowohl auf die Export- als auch die Importseite zu.

Indikatoren für die Höhe der Abhängigkeit der Volkswirtschaft von der internationalen Konjunkturentwicklung spiegelt die Höhe der Exportquote wider. In Deutschland liegt sie bei ungefähr 40%. Und auch die Importquote sollte durch den immer stärker stattfindenden Handel mit Vorleistungen beachtet werden (Stichwort: Outsourcing oder Fragmentierung des Außenhandels).

Exportquote: Anteil der Güterexporte am Bruttoinlandsprodukt

Importquote: Anteil der Güterimporte am Bruttoinlandsprodukt

Neben diesen direkten Handelsbeziehungen verstärkt zudem das Erschließen von Absatzmärkten über Direktinvestitionen den internationalen Konjunkturzusammenhang. Ein internationales Unternehmen kann seine Waren exportieren, oder einen Teil seines Umsatzes direkt über Tochtergesellschaften oder Niederlassungen in der ausländischen Volkswirtschaft erzielen. Den Möglichkeiten der konkreten Unternehmensstrategie sind da kaum Grenzen gesetzt.

Durch diese Verflechtungen ist es nicht verwunderlich, dass sich Konjunkturschwankungen in einzelnen Volkswirtschaften schnell und nachhaltig auf andere Länder ausbreiten. Schnelligkeit und Stärke hängt dabei von zahlreichen Faktoren ab, die von der (wirtschaftlichen) Größe des Landes, über die Preiselastizität der Exporte und Importe hin zum Wechselkursregime reichen.

Internationaler Konjunkturzusammenhang: Beispiel

internationaler konjunkturzusammenhang

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In der Abbildung seht ihr am Beispiel eines ausländischen Konjunkturaufschwungs die Wirkungsweise des internationalen Konjunkturzusammenhangs dargestellt.

Wir betrachten einen sogenannten 2-Länder-Fall: Das Inland und das Ausland. Im Ausland findet ein Konjunkturaufschwung statt, der zu einer Erhöhung des dortigen Volkseinkommens bzw. des BIPs führt. Gründe können hierfür z.B. eine Erhöhung des Staatskonsums bzw. der Staatsausgaben oder der privaten Investitionen sein.

Die Erhöhung des ausländischen Volkseinkommens bewirkt, dass die Nachfrage im Ausland steigt. Diese Nachfrage führt auch zu einer Erhöhung der Nachfrage nach im Ausland produzierten Gütern (aus Sicht des Auslandes). D.h. die Importe des Auslandes steigen. Nimmt man an, dass alle anderen Faktoren konstant bleiben (die bekannte ceteris-paribus-Klausel) sinkt hierdurch im Ausland der Außenbeitrag. Damit verschlechtert sich die außenwirtschaftliche Position.

Aus Sicht des Inlandes handelt es sich bei den Importen um Exporte. Das Inland wird nun mehr Güter exportieren. Dies führt zu einer Erhöhung des Außenbeitrags und die außenwirtschaftliche Position verbessert sich.  

Ein Anstieg der Exporte bewirkt aber auch, dass mehr Güter im Inland produziert werden oder Lagerbestände werden abgebaut. Auf jeden Fall resultiert hieraus ein Anstieg des BIPs und des Volkseinkommens. Dies ist gleichbedeutend mit einem Konjunkturaufschwung.

Ergebnis Beispiel Internationaler Konjunkturzusammenhang: Ein Konjunkturaufschwung im Ausland bewirkt einen Konjunkturaufschwung im Inland. Grund ist hierfür der Außenhandel.

Determinanten des internationalen Konjunkturzusammenhangs

1. Analyse mit dem Außenwirtschaftsmultiplikator

Die Stärke des internationalen Konjunkturzusammenhangs kann mit dem sogenannten Außenwirtschaftsmultiplikator analysiert werden. Die Multiplikatoranalyse untersucht, wie sich Änderungen in den Nachfragekomponenten des Bruttoinlandsproduktes auf das BIP auswirken.

Durch die verschiedenen gegenseitigen Abhängigkeiten gibt es hier sogenannte direkte Erstrundeneffekte und dann weitere sich im Zeitablauf abschwächende weitere Effekte. Je nach Situation können die Effekte positiv oder negativ sein und unterschiedlich stark ausfallen.

Der Außenhandelsmultiplikator untersucht nun, wie sich eine Veränderung der Exporte auf das BIP auswirkt. Je detaillierter die Annahmen zur Berechnung des BIPs gewählt worden, desto komplexer sieht schließlich der mathematisch hergeleitete Multiplikator aus, und desto schwieriger ist er auch zu interpretieren. Z.b. ob auch Steuern im Modell berücksichtigt werden.

Auf die Berechnung und Interpretation des Außenwirtschaftsmultiplikators gehen wir in einem gesonderten Artikel ein.

2. Phasenverlauf Internationaler Konjunkturzyklen

Voraussetzung für die beschriebene Wirkung eines Außenwirtschaftsmultiplikator ist die Frage, in welche konjunkturellen Ausgangssituation sich die handelnden Volkswirtschaften befinden und wir stark die Handelsbeziehungen zwischen den Ländern ausfallen.

Andern formuliert: Die Stärke des internationalen Konjunkturzusammenhangs ist neben den Handelsbeziehungen davon abhängig, ob die beiden Ländern einen gleichlaufenden oder gegenläufigen Konjunkturzyklus aufweisen.

- Phasengleichlauf

Befinden sich beide Länder z.B. in einem konjunkturellen Aufschwung spricht man von einem Phasengleichlauf. In diesem Fall kann der sich in beiden Ländern verstärkende Aufschwung über den Handelsanstieg zu einer Überhitzung der Konjunktur beitragen und das Entstehen von Inflation begünstigen.

Befinden sich beide Länder dagegen gleichzeitig in einer Abschwungphase kann sich diese durch den konjunkturellen Zusammenhang wechselseitig verschärfen.

Neben der bereits stagnierenden oder zurückgehenden jeweiligen Inlandsnachfrage schrumpft nun auch die Auslandsnachfrage. Je abhängiger nun ein Land von seinen Exporten für die inländische Wirtschaft ist, desto stärker fallen die negativen Folgen aus.

In unserem Beispiel oben hatten wir den positiven Fall bei einem Phasengleichlauf dargestellt.

- Phasenverschiebung

Von einer Phasenverschiebung spricht man, wenn sich ein Land z.B. in einem Aufschwung (Ausland) befindet.

Das andere Land sieht sich dagegen einem konjunkturellen Abschwung (Inland) gegenüber. Im Inland geht wegen dem Abschwung die Nachfrage nach Importen zurück. Im Ausland steigt aufgrund des Aufschwungs dagegen die Nachfrage nach Importen. Im Ausland erfährt der Aufschwung durch die gestiegenen Importe eine Dämpfung, d.h. die Gefahr einer Überhitzung der Konjunktur sinkt.

Für das Inland bewirkt der Anstieg der Exporte dagegen zu einer Belebung der Konjunktur. Der internationale Konjunkturzusammenhang entfaltet damit vor allem dann positive Wirkungen, wenn sich die beiden betrachteten Länder in unterschiedlichen Phasen ihres Konjunkturzyklus befinden. Hierdurch leitet sich auch die Forderung einer „Lokomotivfunktion“ großer Volkswirtschaft ab. Hierauf gehen wir noch einmal weiter unten ein.

3. Handelsbilanz und Wechselkurse

Bislang haben wir bei der Betrachtung des internationalen Konjunkturzusammenhangs nur auf die Handelsbeziehungen bzw. Handelsbilanz und Außenbeitrag über Exporte und Importe geschaut. Wir haben hierbei außen vorgelassen, dass auch die Wechselkurse den Handel beeinflussen. Hierbei spielt es eine Rolle, ob man sich einem System fester oder flexibler Wechselkurse befindet.

Liegen flexible Wechselkurse vor, kommt es auf die Preiselastizität der Export- und Importnachfrage an, ob diese infolge eine Währungsauf- oder -abwertung „normal“ oder „anormal“ reagieren. Liegt eine anormale Reaktion vor, kann damit in einem System flexibler Wechselkurse die konjunkturelle Übertragung zwischen zwei Ländern unterbrochen werden. Anormale Reaktionen im Außenbeitrag bzw. in der Handelsbilanz treten in der Regel dann auf, wenn die Preiselastizität sehr klein ist.

Eine andere Möglichkeit für eine anormale Reaktion besteht darin, dass der Außenhandel von nicht-preislichen Faktoren bestimmt wird:

Nicht-Preisliche Faktoren im Außenhandel

  • Es gibt kaum/keine Ausweichmöglichkeit auf andere Güter (z.B. Erdöl)
  • Monopolstellung auf Seiten der Anbieter
  • Qualität ist Entscheidungskriterium
  • Konsumpräferenzen

Eine normale Reaktion der Handelsbilanz besteht mathematisch formuliert dagegen dann, wenn die Summe der Nachfrageelastizitäten der Exporte und Importe eines Landes größer als absolut 1 ist. Wie gesagt, hierbei handelt es sich um den Normalfall! Diese Bedingung bezeichnet man auch als Marshall-Lerner-Bedingung.

4. Finanzmärkte

Die bisherigen drei Punkte haben beschrieben, wie der internationale Konjunkturzusammenhang aus makroökonomischer Sicht funktioniert. Bzw. was seine Übertragungswege sind.

Nicht berücksichtigt, aber dennoch erwähnenswert, sind die starken Auswirkungen des internationalen Konjunkturzusammenhangs auf die nationalen Finanzmärkte. Hierbei sind vor allem die Aktienmärkte sehr stark von den Erwartungen der Wirtschaftssubjekte über die künftige konjunkturelle Entwicklung oder der Ertragsprognose der Unternehmen abhängig.  

Wenn nun z.B. infolge einer (ausländischen) Konjunkturprognose eine Konjunkturabschwächung oder gar eine Rezession erwartet wird, so rechnen die Marktteilnehmer damit, dass sich auch die inländische Konjunktur abkühlen wird. Eben aufgrund des internationalen Konjunkturzusammenhangs.

Sinken die Gewinnerwartungen, sinken daraufhin auch die Aktienkurse. Werden die konjunkturellen Erwartungen des Auslands dagegen positiv eingeschätzt, steigen entsprechend auch die Kurse.

Wirtschaftspolitische Forderung: Lokomotivfunktion

Der beschriebene internationale Konjunkturzusammenhang bildet das Motiv für die immer wieder auftretende Forderung, dass große Länder während einer globalen Rezession mittels einer expansiven Konjunkturpolitik eine Art „Lokomotivfunktion“ übernehmen sollen. Voraussetzung für ein Gelingen ist hierfür natürlich, dass die Konjunkturphasen zwischen den Ländern zeitlich versetzt verlaufen (Phasenverschiebung).

Die wichtigste Lokomotive der Weltwirtschaft sind ganz klar die USA. Aber auch die Bedeutung der aufholenden Schwellenländer wie z.B. China steigt. Nimmt man eine „regionale“ Perspektive z.B. für die Europäische Union ein, kann man auch Deutschland hierfür eine Lokomotivfunktion zuschreiben.

Wichtig für die Funktion einer Lokomotive ist nicht so sehr die Größe nach der Bevölkerung, sondern die ökonomische Bedeutung. Zudem ist es wichtig nicht nur die Exporte zu beobachten, sondern auch die Importseite im Blick zu haben.

Zusammenfassung

  • Internationaler Konjunkturzusammenhang: Beschreibt, dass das BIP eines Landes von Exporten und Importen abhängt.
  • Stärke des Zusammenhangs kann über den Außenwirtschaftsmultiplikator gemessen werden.
  • Determinanten für Stärke des Zusammenhangs: Phasenverlauf der Konjunkturzyklen, Wechselkurssystem, Reaktion der Handelsbilanz bei flexiblen Wechselkursen, Finanzmärkte.
  • Idealfall bei gleichlaufenden Konjunkturphasen. Hieraus resultiert Forderung nach einer Lokomotivfunktion für große Länder in einer weltweiten Rezession.

Literatur


  • Clement, Reiner, et al. Angewandte Makroökonomie: Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen, Franz Vahlen, 2013.
  • Mankiw,G. und M. Taylor: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 6. Auflage, Schäffer-Poeschel, 2016.
  • Sperber, H.: Wirtschaft verstehen. 112 Lernmodule zur VWL, 5. Auflage, Schäffer-Poeschel,2016.

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