Die 5 Karlspreisträgerinnen: Für ein vereintes Europa
Karlspreisträgerinnen

Die 5 Karlspreisträgerinnen: Für ein vereintes Europa

Insgesamt gibt es 5 Karlspreisträgerinnen. Ein Kritikpunkt bei der Vergabe des Karlspreises ist der niedrigere weibliche Anteil an den Preisträgern. Welche Frauen haben es geschafft, ihn zu erhalten?

Bedeutung Karlspreis

Der Internationale Karlspreis zu Aachen ist der bedeutendste Preis, der Menschen für ihr europäisches Engagement auszeichnet. In seiner mehr als 50-jährigen Geschichte hat es unter den 50 Preisträgern bislang nur 5 Karlspreisträgerinnen gegeben. Dies wird üblicherweise als Kritikpunkt für die Vergabepraxis des Karlspreises angeführt.

Im folgenden stellen wir die 5 Karlspreisträgerinnen vor. Es wird deutlich, dass es sich hierbei allesamt um bedeutende Frauen handelt, die einen beeindruckenden Lebensweg gehabt haben, Ideale und Visionen. Und die diesen Preis zu Recht verdienen. Man erkennt aber auch, dass manche Karlspreisträgerinnen in erster Linie vor dem Hintergrund historischer Ereignisse für die europäische Entwicklung ausgezeichnet wurden. Wie etwa, das zehnjährige Bestehen der EU-Osterweiterung, die (damals) anstehende EFTA-Erweiterung oder die Ergebnisse einer Ratspräsidentschaft eines Landes. Das Geschlecht des Preisträgers spielt damit eine untergeordnete Rolle. Von Bedeutung ist eher, dass die jeweilige Karlspreisträgerin das Symbol für eine bestimmte Entwicklung ist.

Karlspreisträgerinnen

1. Dalia Grybauskaite 2013

Dalia Grybauskaite

Quelle: Kapeksas, commons.wikimedia.org

Als fünfte Frau erhielt die litauische Ministerpräsidentin Dalia Grybauskaite 2013 den Karlspreis. Sie wurde für ihre Verdienste um die Integration des Ostseeraumes ausgezeichnet. Frau Grybauskaite weist einen herausragenden Lebensweg auf. Durch ihre Ausbildung und Arbeit hat sie sich einen guten Ruf als herausragende Finanzpolitikerin erarbeitet. 1999 wurde sie zur stellvertretenden Finanzministerin Litauen ernannt und half dabei die Folgen der Russland-Krise erfolgreich zu bewältigen. Nach einem kurzen Wechsel in das Außenministerium wurde sie dann 2001 zur Finanzministerin Litauens ernannt.

Diese Finanzexpertise brachte sie auch in die Europäische Kommission ein, wo sie ab 2004 zuerst für Bildung und anschließend für Haushalt und Finanzen verantwortlich war. Unter ihrer Leitung wurde die Struktur des EU-Haushaltes reformiert und sie schaffte die Strukturhilfefonds mit für wirtschaftsschwache Regionen.

Ihr resoluter Führungsstil half außerdem entscheidend dabei mit, dass der Finanzrahmen 2007-2013 für den EU-Haushalt verabschiedet werden konnte. Ihr Team übernahm auf dem EU-Gipfel im Dezember 2005 die Aufgaben der britischen Ratspräsidentschaft und ermittelte noch fehlende Zahlen.

Neben diesen persönlichen Gründen kann die Auszeichnung mit dem Karlspreis von Frau Grybauskaite auch symbolisch gesehen werden: Die Osterweiterung der EU von 2004 nähert sich nun ihrem zehnten Jahrestag und damit auch der Beitritt Litauens zur EU. Außerdem übernahm Litauen in der zweiten Hälfte zudem den EU-Ratsvorsitz. Hier zu diesem Zeitpunkt bereits angekündigte Vorhaben sollten die Verabschiedung des Finanzrahmens 2014-2020 sein. Und die Stärkung der Nachbarschaft mit den osteuropäischen Partnern.

2. Angela Merkel 2008

Quelle: Euku, wikipedia.org

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde 2008 in den Kreis der Karlspreisträger aufgenommen. Sie reihte sich damit in die Reihe weiterer deutscher Bundeskanzler und Bundespräsidenten ein, die ebenfalls bereits mit diesem Preis geehrt wurden.

Angela Merkel erhielt den Preis als Anerkennung ihrer „herausragenden persönlichen Verdienste um die Einigung der Europäischen Union“.

Der Hintergrund für diese Auszeichnung in diesem Jahr ist hauptsächlich in den Ergebnissen der deutschen Ratspräsidentschaft 2007 zu finden. Als der europäische Verfassungsentwurf von 2005 in Frankreich und den Niederlanden in Referenden abgelehnt worden war, befand sich die Europäische Union in einer Schockstarre und Sinnkrise. Zum damaligen Zeitpunkt befürchtete man nun einen jahrelangen Stillstand bei den notwendigen Reformen der EU.

Die deutsche Ratspräsidentschaft schaffte es diesen Stillstand zu beenden. Deutschland bekannte sich eindeutig zu Europa:

„Wir wollen den Verfassungsvertrag, auch wenn das heute zum Teil illusorisch scheint, zu einem Erfolg machen. Ohne ein eigenes Selbstverständnis ist Europa nicht möglich.“
Regierungserklärung, Angela Merkel 2005

Sie griffen wesentliche Teile des abgelehnten Verfassungsentwurfes auf, verschlankten ihn und entfernten die symbolträchtigen Worte wie z.B. Verfassung. Und brachten somit den Reformprozess der EU wieder auf den Weg. Zudem hatte sich Angela Merkel bereits bei dem bereits erwähnten EU-Gipfel im Dezember 2005 einen Namen als Vermittlerin gemacht. Den Gipfel, der den Finanzrahmen 2007-2013 billigte hatte nicht nur Dalia Grybauskaite zum Erfolg geführt. Auch Angela Merkels Vermittlerrolle zwischen den Nationalstaaten fand hier große Beachtung.

3. Königin Beatrix der Niederlande

Königin Beatrix der Niederlande

Quelle: By Minister-president Rutte (CC BY 2.0,Wikimedia Commons)

Königin Beatrix der Niederlande erhielt den Karlspreis am 16. Mai 1996. Der Preis würdigt „ihren persönlichen Einsatz für die Überwindung von Gegensätzen und die Stärkung der Gemeinschaft zwischen den Völkern Europas.“ Die inzwischen abgedankte Königin studierte Soziologie, Rechtswissenschaften und Geschichte und schloss ihre akademische Ausbildung mit der Promotion zu, Dr. jur. ab. Ihr Wirken für die Überwindung von Gegensätzen in Europa begann bereits lange vor ihrer Thronbesteigung im Jahr 1980. Schon 1961 initiierte sie eine europäische Arbeitsgruppe, die sich an die europäische Jugend wandte. Und diese dazu aufforderte, sich mit europäischen Fragen auseinanderzusetzen und sich zu engagieren. Durch ihr an die Jugend gerichtetes Engagement half sie dabei, eine neue europafreundliche Generation zu fördern. Eine Generation, für die die alten Erbfeindschaften zwischen den Nationalstaaten nur noch einen Eintrag im Geschichtsbuch bedeuteten. Aber keine Relevanz mehr für ihre Gegenwart besaßen.

Auch als Königin setzte sich Beatrix in der Öffentlichkeit für ein geeintes Europa ein und warb für die Fortführung der europäischen Integration. Außerdem förderte engagierte sie sich über ihre Repräsentationsaufgaben für eine Vermittlung zwischen den Niederlanden und Deutschland. Um die guten Nachbarschaftsbeziehungen zwischen diesen beiden Ländern nicht nur sicherzustellen sondern sie auch auszubauen.

4. Gro Harlem Brundtland 1994

gro harlem brundtland

Quelle: Per Mosseby, flickr

Als zweite Karlspreisträgerin wurde Gro Harlem Brundtland 1994 ausgezeichnet. Die promovierte Medizinerin war vor ihrer politischen Karriere als Beraterin für das Gesundheits- und Sozialministerium in Norwegen tätig. Von 1974-1979 war sie Umweltministerin. 1981 übernahm sie als erste Frau für acht Monate das Amt der Ministerpräsidentin Norwegens. Zweimal, von 1986- 1989 und von 1990-1996 wurde sie dann in dieses Amt gewählt.

Ihre Auszeichnung mit dem Karlspreis im Jahr 1994 lässt sich vor allem mit der damals anstehenden EFTA-Erweiterung der EU verstehen. Zum damaligen Zeitpunkt war der Ausgang des Beitritt-Referendums Norwegens noch vollkommen unklar. Die Ministerpräsidentin hatte sich aber zur Europäischen Gemeinschaft bekannt und intensiv für den Beitritt ihres Landes zur EU geworben. Hierfür wurde sie mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Gro Harlem Brundtland zudem für ihr soziales Engagement ausgezeichnet und die Überwindung des Nord-Süd Gefälles in der UNO. Nach Ende ihrer Zeit als Ministerpräsidentin wechselte sie 1998 als Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation nach Genf. Hier setzt sie seitdem ihr soziales und umweltpolitisches Engagement fort.

5. Simone Veil 1981

simone veil

Quelle: Marie-Lan Nguyen (CC BY 3.0, Wikimedia Commons)

Die erste weibliche Karlspreisträgerin war gleichzeitig auch die erste weibliche Präsidentin des Europäischen Parlamentes. Simone Veil erhielt den Karlspreis 1981 als „Würdigung ihres Wirkens für die Einigung Europas und Ihres entschlossenen Eintretens für die Rechte der ersten frei und direkt gewählten Vertretung aller in der Europäischen Gemeinschaft zusammengeschlossenen Völker Europas.“

Die politischen Einstellungen von Simone Veil wurden in erster Linie durch ihre Kindheit geprägt. Denn sie erlebte bewusst und überlebte das Konzentrationslager Auschwitz. Durch diese Erlebnisse war ihr eine Aussöhnung der Erbfeinde Frankreich und Deutschland wichtig und sie war Zeit ihres Lebens eine engagierte Europäerin. Vor ihrer politischen Karriere arbeitete sie im französischen Justizministerium. Zwischen 1974-1979 bekleidete sie verschiedene Ministerposten, die aber alle im Bereich der Gesundheits-, Sozial-, und Familienpolitik angesiedelt waren. Simone Veil kann als Feministin bezeichnet werden, im positiven Sinn. Während ihrer politischen Amtszeit setzte sich die Mutter von vier Kindern vehement für die Rechte der Frau ein.

Dies tat sie ebenfalls während ihrer anschließenden Zeit im Europäischen Parlament. Auf Drängen ihres Förderers, des französischen Präsidenten kandidierte sie 1979 nicht nur für das Europäische Parlament sondern auch für das Amt der Parlamentspräsidentin. Neben der ersten Direktwahl des Parlamentes waren auch seine Kompetenzen ausgeweitet worden. Simone Veil nutzte diese historische Stunde und setzte sich für eine Nutzung dieser Kompetenzen ein und auch für ihre Erweiterung. Ein deutliches Signal hierfür war, dass sie 1981 den Haushalt der Gemeinschaft nicht billigte. Damit trat sie direkt in Konflikt mit den Nationalstaaten, insbesondere Deutschland und Frankreich. Es stellt sich die Frage, ob der Preis in diesem Jahr nicht ohnehin an den ersten direkt-gewählten EP-Präsidenten verliehen worden wäre. Von daher ist Tatsache, dass Simone Veil die erste Karlspreisträgerin ist in erster Linie den Fortschritten in der Aufwertung des Parlamentes zuzuschreiben. Denn der EP-Präsident vertritt nach außen das gesamte Parlament.

About the Author Nadine Behncke

Promovierte Volkswirtin und überzeugte Europäerin. Ihre Schwerpunkte sind die Entwicklung und Herausforderungen der EU mit ihren Auswirkungen und Folgen auf Deutschland und seine Bevölkerung. Sie schreibt auf Think About zu Politik, Wirtschaft & Geschichte in Europa, um Wissen zu vermehren und zur Diskussion beizutragen.

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