Markt und Preisbildung

Marktfunktionen: Definition, Übersicht und Hintergrund

Nadine Behncke

Januar 7, 2021
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Marktfunktionen: Definition, Übersicht und Hintergrund

In diesem Artikel erklären wir euch die fünf Marktfunktionen und zeigen die Bedeutung des Marktes in der Wirtschaft auf.

Bedeutung des Marktes in einem Wirtschaftssystem

Markt: Der Ort, an dem Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen.

gleichgewichtspreis

Die Grafik zeigt die Bestandteile und Teilnehmer eines Marktes, woraus die Marktfunktionen resultieren, die wir in diesem Artikel beschreiben. Laut der einfachsten Definition ist ein Markt, der Ort an dem Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. D.h. es gibt Anbieter bzw. Produzenten, die ihre Produkte anbieten und Nachfrager bzw. Konsumenten, die diese Produkte gemäß ihren Präferenzen erwerben.

Das Marktgleichgewicht ergibt sich in dieser einfachen Grafik aus dem Schnittpunkt der Angebots- und Nachfragekurve. In diesem Schnittpunkt wird die für Anbieter und Nachfrager optimale Produktmenge zum optimalen Produktpreis angeboten bzw. nachgefragt.

Hieraus folgt bereits, dass der Preis ein wichtiger Bestandteil des Marktes ist, damit der Markt seine Funktionen erfüllen kann: Den in der Grafik dargestellten Optimalpunkt zu realisieren.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Marktes ist ein funktionierender Wettbewerb, damit der Markt seine Funktionen erfüllen. Da es sich hierbei eher um eine Voraussetzung und nicht um einen „Bestandteil“ handelt, ist er in dieser statischen Grafik nicht zu erkennen. Die Notwendigkeit wird aber deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass sich das Verhalten der Konsumenten nicht nur vom Preis, sondern auch von ihren Präferenzen abhängig ist.

Damit der Optimalpunkt erreicht wird, also alle produzierten Produkte nachgefragt werden, ist ein Wettbewerb auf den Märkten insbesondere zwischen den Unternehmen notwendig. Hierbei kann es sich je nach Marktform z.B. um einen Preiswettbewerb oder z.B. auch um einen Qualitäts-/Produktwettbewerb handeln (Stichwort: „Produktdifferenzierung“).

Marktfunktionen: Es handelt sich um erfahrungsgestützte Erwartungen an den Verlauf funktionierender Märkte aufgrund langfristiger Beobachtungen, die von Ökonomen grundsätzlich anerkannt sind. Marktfunktionen sind damit keine Aufgaben, die dem Markt von der Gesellschaft zugeordnet werden. Marktfunktionen sind inhaltlich eng verwandt mit den Wettbewerbsfunktionen und Preisfunktionen.

Marktfunktionen

Die Nennung der nachfolgend aufgeführten fünf Marktfunktionen orientiert sich an Fritsch (vgl. die am Ende des Artikels aufgeführten Literaturhinweise). Aufgrund der oben ausgeführten Bedeutung des Marktes in der Volkswirtschaft und des Preises als Lenkungsmittel sind Überschneidungen zwischen den Marktfunktionen und den Preisfunktionen unausweichlich (vgl. hierzu unseren Artikel zu den Preisfunktionen). Außerdem können die Funktionen auch stärker differenziert oder zusammengefasst werden. So können statt fünf Marktfunktionen auch lediglich drei Funktionen genannt werden:

1. Die Steuerungsfunktion (entspricht hier Funktion 2,3 und als eine Art Zwischenergebnis Funktion 4). 

2. Die Verteilungsfunktion (entspricht hier Funktion 1).

3. Die Innovationsfunktion (entspricht hier Funktion 5). 

Bald wichtiger, als die korrekte Anzahl an Marktfunktionen aufzählen zu können, ist es zu wissen, wodurch die Marktfunktionen eigentlich charakterisiert werden. Denn hieraus folgt ihre eigentliche Bedeutung für die Volkswirtschaft: So unterscheidet man zwischen sogenannten statischen und dynamischen Marktfunktionen. (Diese beiden Begriffe begegnen einem in den verschiedensten volkswirtschaftlichen Anwendungsbereichen.)

Die statischen Marktfunktionen beschreiben die Optimierung eines vorhandenen Zustandes. 

Die dynamischen Marktfunktionen haben dagegen einen dynamischen Charakter, d.h. sie ergründen die Voraussetzung für Wachstum und damit eine Erhöhung des vorhandenen Zustandes.


1. Verteilung der Markteinkommen entsprechend der Marktleistung

Die Umsetzung dieser Funktion ist Gegenstand zahlreicher gesellschaftspolitischer Debatten. Denn hier entzündet sich die Frage, welchen (monetären) Wert die Marktleistung eines Individuums erhält und wie eine gerechte Vergütung der Beiträge bei der Erstellung der Marktleistungen aussieht.

Rein ökonomisch nach der klassischen Lehre formuliert bedeutet diese Marktfunktion, dass die Marktleistung aus der „Produktionsfaktorperspektive“ nach der Produktivität bei der Erstellung der Produkte bestimmt wird. Bzw. aus der „Marktperspektive“ erfolgt die Leistungsmessung nach der Zahlungsbereitschaft der Konsumenten. Denn auf dem Markt werden die hergestellten Produkte gehandelt. Es kann nur kostengünstig und qualitativ hochwertig angeboten werden, was effizient produziert wurde. Und die Produktion macht auch nur dann Sinn, wenn die Produkte abgesetzt werden.

Die Verteilung der Markteinkommen entsprechend der Marktleistung ist in diesem Sinne eine leistungsgerechte Entlohnung. Unternehmen erhalten damit einen starken Anreiz ihre Leistungsfähigkeit zu steigern, um auf dem Markt Umsatz und letztlich Gewinne erwirtschaften zu können. Hierzu ist eine immer effizientere Produktion notwendig. Die hiermit einhergehende Verteilung der Markteinkommen, an die am Produktionsprozess beteiligten, „Faktoren“ Arbeit und Kapital, bezeichnet man auch als funktionelle Einkommensverteilung.

Das in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung bzw. im BIP ausgewiesene Entlohnungsverhältnis der beiden Faktoren ist dann immer wieder Gegenstand der politischen und gesellschaftlichen Debatten, nach einer gerechten Verteilung. Denn die Einkommensverteilung nach der Marktleistung entspricht nicht unbedingt dem in einer Gesellschaft favorisierten ethischen Gerechtigkeitsprinzip. Man kann auch sagen, dass ein Markt nun einmal nicht sozial ist. Je nach gesellschaftlichem Gerechtigkeitsprinzip sind damit sozialpolitische Eingriffe des Staates in das Marktgeschehen nicht nur gerechtfertigt, sondern auch erstrebenswert. Provokant formuliert kann man auch sagen, dass durch die „unsoziale“ Verteilung der Markteinkommen nach der Marktleistung dem Staat überhaupt erst ein ausreichend hohes BIP zur Verfügung steht, das er umverteilen kann.

Es kann nur umverteilt werden, was vorher erwirtschaftet wurde. Die Theorie, an welcher Stelle und in welchem Umfang der Staat korrigierend in die Einkommensverteilung eingreift ist Gegenstand der Verteilungspolitik. Die hieraus abgeleiteten Forderungen unterscheiden sich in der politischen Praxis zwischen den Parteien über das Parteienspektrum.

  

2. Erstellung und Verteilung des Angebotes an Waren und Dienstleistungen entsprechend den Präferenzen der Konsumenten

Bei dieser Marktfunktion handelt es sich um die Allokationsfunktion des Marktes aus Sicht der „Nachfrageperspektive“. Bei der Allokations- bzw. Steuerungsfunktion ist die Bedeutung des Preises und der Preisfunktionen für einen funktionierenden Markt am sichtbarsten. Zu nennen sind hier insbesondere die Anreizfunktion, die Signalfunktion und die Koordinationsfunktion des Preises. Über diese Preisfunktionen erfüllt der Markt seine Funktion, das Angebot an Gütern entsprechend der Konsumentenpräferenzen zu verteilen.

Denn in einem funktionieren Markt (und entsprechendem Wirtschaftssystem) liegt Konsumenten-souveränität vor.

Die Bedeutung dieses einfachen Begriffes kann man nicht unterschätzen. Nicht zuletzt findet es sich auch in dem Sprichwort „Der Kunde ist König“ wieder. Sinn des Wirtschaftens in einer Volkswirtschaft ist es, mit begrenzten Mitteln die unbegrenzten Bedürfnisse so gut wie möglich zu erfüllen. Auf die Marktfunktion übertragen bedeutet dies, dass Unternehmen bzw. die Anbieter ihre Produkte nur dann absetzen können, wenn sie die Bedürfnisse der Nachfrager befrieden. Konsumentensouveränität bedeutet nun, dass für die Konsumenten Wahlmöglichkeiten bestehen. D.h. sie sind nicht verpflichtet ein Produkt von einem bestimmten Anbieter zu kaufen. Sie können wechseln.

Mittels dieser Konsumentensouveränität erfüllt der Markt damit seine Funktion, dass Unternehmen genau die Produkte bei gegebenen Ressourcen herstellen, die von den Konsumenten nachgefragt werden.


3. Lenkung der Produktionsfaktoren in ihre jeweils produktivste Verwendungsmöglichkeit

Bei dieser Marktfunktion handelt es sich um die Allokationsfunktion des Marktes aus Sicht der „Produktionsprozessperspektive“. Ein Unternehmen kann nur dann effizient produzieren, wenn es die am Produktionsprozess beteiligten Produktionsfaktoren optimal einsetzt. Man spricht bei diesem Aufteilungsprozess der Faktoren auf die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten auch von der Faktorallokation. In der VWL ist die notwendige Theorie Gegenstand der Unternehmenstheorie in der Mikroökonomik. Wer sich für die Umsetzung in einem Einzelunternehmen interessiert, dem sei in Blick in die BWL (Produktionstheorie) empfohlen.  

Warum sollen die Produktionsfaktoren effizient eingesetzt werden? Das Grundproblem des Wirtschaftens ist nun einmal die Begrenztheit zur Verfügung stehenden Mittel bei unbegrenzt vorhandenen Bedürfnissen der Konsumenten. Eine effiziente Allokation der Produktionsfaktoren erlaubt nun -je nachdem ob das Maximum- oder Minimalprinzip angewendet wird, die Maximierung der Wertschöpfung oder die Minimierung der entstehenden Kosten.


4. Flexibilität: Anpassung an sich ändernde Rahmenbedingungen

Während die ersten drei Marktfunktionen statisch sind, ist die Marktflexibilität eine dynamische Marktfunktion. Ein zentrales Merkmal funktionierender Märkte ist ein ebenfalls unbehinderter Wettbewerb. Er führt dazu, dass die ersten drei statischen Marktfunktionen, die zu der Optimierung des Istzustandes in der Volkswirtschaft führen, auch im Zeitablauf gegeben sind. Eine Volkswirtschaft ist unentwegt durch sich ändernde Rahmenbedingungen gekennzeichnet.

Dies können Änderungen „im Kleinen“ sein, wie sich ändernde Konsumentenpräferenzen, die nur bestimmte Produkte oder Wirtschaftssektoren betreffen. Es können aber auch „große“ Änderungen sein, die sowohl kurzfristige als auch langfristige Folgen für die Rahmenbedingungen haben. Hier wurden bislang immer gerne die Globalisierung und nun verstärkt die Digitalisierung genannt. Aktuell kann auch die Corona-Pandemie genannt werden, die durch ihre Spezifität zeigt, wie verwobenen die einzelnen Bereiche und Teilnehmer der Volkswirtschaft miteinander sind (z.B. Gesundheit, Tourismus, Kulturbetriebe, grenzüberschreitende Produktion, Gestaltung Beruf und Familie unter erschwerten Arbeits- und Lebensbedingungen, öffentliche Infrastruktur, … um nur einige Facetten zu nennen). Wobei anzumerken ist, dass die Corona-Pandemie volkswirtschaftlich eher als negativer exogener Schock zu analysieren ist, der als Katalysator für sich ändernde Rahmenbedingungen wirkt.

Der Wettbewerb wirkt nun dafür, dass sich die Unternehmen an, die sich ändernden Rahmenbedingungen anpassen können bzw. sich anpassen müssen. Denn die Unternehmen die unter den neuen Bedingungen mittel- bis langfristig nicht mehr kostendeckend produzieren können, werden den Markt verlassen müssen. In der klassischen Theorie führt dieses Verhalten langfristig im Durchschnitt zu einem effizienteren Marktergebnis.


5. Innovationsfunktion: Förderung des technischen Fortschritts bei Produkten und Produktionsmethoden

Als dynamische Marktfunktion kann man die Innovationsfunktion des Marktes zurecht als wichtigste Funktion bezeichnen. Denn sie optimiert nicht einen gegebenen Zustand, sondern sie erweitert die Möglichkeiten. Die Innovationsfunktion und ihre theoretische Analyse mittels einer sogenannten Cobb-Douglas-Produktionsfunktion ist Ausgangspunkt der Wachstumstheorie und -politik in der Volkswirtschaft. Es gilt die (in den Modellen und auch in der Empirie beobachtete) Definition, dass technischer Fortschritt den Produktionsoutput bei gegebenem Mitteln erhöht. Eine Erhöhung des Outputs wird interpretiert als ein höheres Niveau der Bedürfnisbefriedigung.  Eine Steigerung des Fortschritts führt demnach auch zu einer Steigerung der gesellschaftlichen Wohlfahrt (die Summe der individuellen Bedürfnisbefriedigung).

Erklärungen für die Innovationsfunktion des Marktes auf Unternehmensebene bzw. aus der mikroökonomischen Perspektive heraus haben bereits von Hayek (ordnungspolitisch) oder auch Schumpeter geliefert. Insbesondere letzterer ist mit seinem Ansatz „der kreativen Zerstörung“ bekannt und Begründer des interdisziplinären Forschungsbereiches der Innovationsökonomik.

Hintergrund für die Innovationsfunktion ist der „Egoismus“ bzw. das Gewinnstreben der Marktteilnehmer und hier vor allem der Unternehmen, da sie die Innovationstreiber sind. Bringt ein Unternehmen eine Innovation (z.B. ein neues Produkt, vgl. z.B. das iPhone von Apple) auf den Markt, die den Marktteilnehmern Nutzen stiftet, erwirbt das Unternehmen gegenüber seinen Konkurrenten einen Wettbewerbsvorteil und wird zumindest eine Zeit lang höhere Gewinne machen. Diese Aussicht auf höhere Gewinne der Unternehmen, infolge von Innovationen, die noch besser die Konsumentenbedürfnisse befriedigen, spiegelt die Innovationsfunktion wider. Sie ist die Triebfeder für den gesamtgesellschaftlichen Fortschritt und das Wachstum in einer Volkswirtschaft.

Zusammenfassung


  • Marktfunktionen: erfahrungsgestützte Erwartungen an den Verlauf funktionierender Märkte aufgrund langfristiger Beobachtungen. Marktfunktionen sind keine übertragenen Aufgaben.
  • Der Begriff ist eng verwandt mit den Bestandteilen und Voraussetzungen eines funktionierenden Marktes und sollte gemeinsam mit ihnen betrachtet werden: Preisfunktionen, Wettbewerbsfunktion.
  • Es gibt zusammengefasst drei Marktfunktionen, die in mindestens fünf Funktionen aufgeteilt werden können: Allokationsfunktion, Verteilungsfunktion, Innovationsfunktion.
  • Man unterscheidet zwischen statischen und dynamischen Marktfunktionen. Statistische Marktfunktionen optimieren den aktuellen Zustand. Dynamische Marktfunktionen erweitern den aktuellen Zustand.

Literatur


  • Brunner, Sibylle, und Karl Kehrle. Volkswirtschaftslehre, Franz Vahlen, 2014.
  • Fritsch, Michael. Marktversagen und Wirtschaftspolitik, 9. Auflage, Franz Vahlen, 2014.
  • Krugman, P. und R. Wells: Volkswirtschaftslehre, Schäffer-Poeschel, 2010

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