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Mitgliederbindung: Was Parteien von Unternehmen lernen können

Meinen Umzug von Göttingen nach Berlin wollte ich mit einem Aufleben meines politis​chen Engagements verbinde​​​​n​​​​. Meine Partei hat mir dies leider nicht einfach gemacht. Ein Blick in Kafkas Labyrinth und die Mitgliederbindung einer Partei.​​​​

Generell wird in den Medien kommuniziert, dass den Parteien die Mitglieder und  der Nachwuchs ausgehen. Über alle Pa​​​​rteien hinweg und unabhängig von der politischen Einstellung. Als der Schulz-Zug Anfang des Jahres losfuhr schien sich für die SPD das Blatt gewendet zu haben. Stolz verzeichnete sie einen Anstieg ihrer Mitglieder. Besonders junge Menschen waren von Martin Schulz begeistert und traten in Scharen der SPD bei. Zumindest war dies die offizielle Lesart, die über die Medien transportiert wurde.

Ich selber bin erst seit drei Jahren Mitglied dieser Partei. Kontakte gab es zwar schon früher, aber der Schritt einer Mitgliedschaft sollte nun doch überlegt sein. Irgendwann hatte es sich dann ergeben und ich schaute bei den Jusos vorbei.

Leider gab es dort aus Zeitgründen und aufgrund unterschiedlicher Themenschwerpunkte nur sehr geringe Schnittmengen, so dass meine aktive Juso-Zeit recht kurz ausfiel.

Ab da war ich –positiv formuliert- ein passives Partei-Mitglied, negativ formuliert eine „Kartei-Leiche“. Das gute an dieser passiven Mitgliedschaft ist allerdings, dass man sich verstärkt mit den Ansichten und Positionen seiner Partei auseinandersetzt. Denn man befindet sich in einer Art Schwebezustand. Man ist politisch interessiert und besitzt eine gewisse positive Grundeinstellung gegenüber der Partei. Denn sonst wäre man ja nicht Mitglied geworden.

Andererseits besitzt man aber auch einen gewissen Abstand. Die ideologische Prägung und das Wissen um die Nuancen der verschiedenen Parteiflügel unterbleibt, da man ja seine Partei nicht „intern und live“ erlebt. Und eine gewisse kritische Haltung bleibt durch den zu zahlenden Mitgliedsbeitrag. Wie überall sonst, ist es auch bei einer Partei so: Die Mitgliedschaft wird durch eine (unbewusste) Kosten-Nutzen-Analyse gerechtfertigt.

Vom passiven zum aktiven Parteimitglied?

Für mich fielen die Kosten der Parteimitgliedschaft immer geringer aus als der Nutzen. Wobei ich Nutzen für mich auch relativ breit definiere. Ich teile die historischen Werte und Errungenschaften der deutschen Sozialdemokratie. Und ich glaube, dass die Partei viel für Deutschland geleistet hat und noch viel für die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes in Zukunft erreichen kann. Ich unterstütze sie gerne mit meiner Mitgliedschaft.

Flüchtlingskrise, Migrationspolitik, Digitalisierung, Brexit und europäische Wirtschaftspolitik. Dies sind die Themen, die mich bewegen und die ich als essentiell für die nahe Zukunft ansehe. Sicher, es gibt auch andere wichtige Themen. Aber man muss halt seine eigene Auswahl treffen. Und für mich –und ich denke auch für viele andere Menschen in diesem Land- ist die Präsentation von Lösungsvorschlägen zu diesen Themen sehr wichtig.

Nun ist gerade Wahlkampf und mit der Bundestagswahl werden die Weichen für die nächsten vier Jahre gestellt. Der perfekte Zeitpunkt also um sich einzubringen. Vom passiven zum aktiven Parteimitglied zu werden. Die Themen, die einem wichtig sind, sind auch im Wahlkampf wichtig. Jetzt ist die perfekte Gelegenheit sich einzubringen. Gefühlt täglich erreichen mich über social media und diverse Newsletter die Aufforderungen und Anleitungen, wie ich mich einbringen und der Partei im Wahlkampf helfen kann. Von der Wahlkampfspende über das Teilen von Nachrichten auf Facebook bis hin zur Teilnahme am Tür-zu-Tür-Wahlkampf.

Für mich war es perfekt! Ich war gerade beruflich nach Berlin gezogen. Und konnte mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: sich aktiv politisch engagieren und interessante Menschen in einer fremden Umgebung kennenlernen... Doch meine Begeisterung wurde von der deutschen Bürokratie, die auch anscheinend vor den Parteien nicht halt macht, erdrückt. Meine Frage an die Parteien:

Warum wollt ihr mein Engagement nicht?

Die Betonung der Frage liegt dabei auf „mein“ Engagement. Ich glaube, dass meine Schwierigkeiten nicht auf alle politisch interessierten Bevölkerungsgruppen zutreffen. Aber doch auf einen nicht unerheblichen Teil. Denn ich bin berufstätig. Und zwar in einem ganz normalen 9 to 5 Job. Gut, das „9 to 5“ wird zwar in der Regel zu einem „9 to 6“ Job (Pausen und Gleitzeit etc,). Aber ich denke, dass eine solche Arbeitszeit in weiten Teilen der Bevölkerung nicht unbekannt ist.  Gemeinhin versuche ich also private Aktivitäten, wie Telefonate und Emails, social media, auf außerhalb meiner Arbeitszeit zu verlegen.

Für die Kontaktaufnahme mit einer Partei ist das leider nicht so gut. Die ersten Versuche (direkte Mail per Formular an das „Be-Team“ oder Facebook) scheiterten kläglich. Teils gab es „error messages“, teils reagierte ich auch allergisch darauf, wenn auf meine höfliche Anfrage eine Antwort kam, die eher Erstwähler adressieren. (Man wird anscheinend doch älter....).

Parteienbürokratie und 9 to 5 Jobs

Meinen zweiten Versuch startete ich dann in der Realität: Auf meinem Arbeitsweg befand sich das Bürgerbüro eines SPD-Abgeordneten. Dort stellte ich mich vor: Ich bin nach Berlin gezogen und möchte mich im Wahlkampf engagieren. Mein Ansprechpartner war nach meinem Outing als SPD-Mitglied auch ​sehr engagiert und überzeugte in der Mitgliederbindung. Gerne gab er mir die Telefonnummern verschiedener Ansprechpartner. Und er wies mich darauf hin, dass ich mich ummelden muss. Von meinem ursprünglichen Kreisverband zum aktuellen in Berlin. Dann würde ich auch in den Berlin-Mailverteilern stehen und über alle Termine informiert werden.

Nun gut... Meine dezente Frage daraufhin, in welchen Zeiten ich diese Damen und Herren denn erreichen könnte... Antwort: Zwischen 10-16 Uhr. (Zur Erinnerung: meine Arbeitszeit liegt zwischen 9-17 Uhr).

Mein dritter Versuch startete ein paar Tage später während meiner Mittagspause. Ich rief bei den genannten Nummern an. Die natürlich nicht zu erreichen waren, weil sie wohl ebenfalls gerade Mittagspause machten...

Aber beim Mitglieder-Service kam ich durch. Das SPD-Mitglied war dort sehr engagiert und freute sich über mein Interesse. Er war so begeisterte, dass er mir riet mich schnellstmöglich an meinen aktuellen Landesverband zu wenden, damit ich umgemeldet werde. Dann würde ich über alle Termine informiert werden und meinem Engagement stünde nichts mehr im Wege. Und wenn ich mag, kann ich mir auch ihre Internetseite anschauen. Dort gibt es viele interessante Informationen....

Nette Mitarbeiter, keine gute Mit​gliederbindung

An diesem Punkt enden meine (vorläufigen) Versuche meine Partei im Wahlkampf zu unterstützen.

Als „normaler“ berufstätiger Bürger scheinen die Zeiten zwischen der Partei und mir nur schwer vereinbar zu sein. Für andere Berufsgruppen oder Bevölkerungsgruppen, wie Studierende, Arbeitslose, Teilzeit-Beschäftigte sind diese zeitlichen Engpässe vielleicht nicht ganz so stark ausgeprägt.

Deshalb auch meine Frage: Liebe SPD (oder auch andere Partei): Möchtest du mein Engagement nicht? Möchtest du, dass sich nur bestimmte Bevölkerungsgruppen bei dir engagieren? Du bist eine Volkspartei und möchtest von der Mitte der Gesellschaft gewählt werden. Ich bin ein Teil dieser Mitte. Ich wähle dich gerne und möchte dich auch aktiv unterstützen. Aber dies ist mir nur in meiner Freizeit möglich. Warum machst du es mir so schwer? Warum schaust du dir nicht ein wenig vom Marketing der Unternehmen ab oder von der Mitgliederbindung von Communities? Was meinst du, wie genial ich es gefunden hätte, wenn du folgendes bei meiner persönlichen oder telefonischen Kontaktaufnahme gesagt hättest:

​Hey, schön das du dich bei uns engagieren willst. Klar, du musst dich noch ummelden. Aber das hat Zeit. Gib mir doch schon mal deine Email oder Telefon-Nummer. Dann bist du bei uns im System und wir können dir alle Infos und Termin schicken. Übrigens, wir treffen uns immer Montags, um 18 Uhr. Komm doch einfach mal vorbei!

​​Stattdessen sieht man sich eher am Eingang von Kafkas „Das Labyrinth“ in der Mitgliederbindung. So lange dies der Fall ist, scheint es um den Nachwuchs und die Mitglieder in den Parteien noch nicht so schlimm zu stehen. Oder sie wollen nur bestimmte aktive Parteimitglieder. Wobei sie dann allerdings langfristig nicht mehr als Volkspartei anzusehen sind.

Ich werde jedenfalls meinen vierten Versuch morgen unternehmen und die Ansprüche der Parteibürokratie erfüllen.

About the Author Nadine Behncke

Promovierte Volkswirtin und überzeugte Europäerin. Ihre Schwerpunkte sind die Entwicklung und Herausforderungen der EU mit ihren Auswirkungen und Folgen auf Deutschland und seine Bevölkerung. Sie schreibt auf Think About zu Politik, Wirtschaft & Geschichte in Europa, um Wissen zu vermehren und zur Diskussion beizutragen.

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2 comments
bknicole says September 21, 2017

Dass du da verärgert bist, kann ich echt verstehen. Hätte nicht geacht, dass man da so unflexibel ist ,denn eigentlich sollte man ja um jedes Mitglied das im Wahlkampf helfen möchte dankbar sein und auch darum kämpfen ;). Schade, dass das bei dir bisher nicht geklappt hat, aber vielleicht hat es ja nach dem vierten Versuch geklappt?

Die Bürokratie in Deutschland ist ja in allen Bereichen nervig, weshalb ich erleichtert bin, dass der Abbau von dieser in fast allen Parteiprogrammen zu finden ist. Da muss sich echt was ändern, denn man würde sich so viel unnützige Arbeit ersparen. Zumal das die Antragssteller auch immer einiges an Nerven kostet.

Danke auch für dein liebes Kommentar zu meinem politischen Post ;).
Danekschön für deine lieben Worte zu meinem Post <3.
Was Europa anbelangt, die hatte im ausführlichen Programm schon noch etwas mehr Spielraum, aber das hätte in meinem Post dann etwas den Rahmen gesprengt, deshalb hatte ich mich auf die wichtigsten innenpolitischen Themen konzentriert und am Ende das komplett Programm noch einmal verlinkt.

Gebe dir da aber Recht, dass das auch wichtige Themen sind, nur kann man da als Land halt nicht so unabhängig agieren, wie bei den innerstaatlichen Themen. Am Ende entscheidet dort die Mehrheit, sodass die eigenen Wünsche da ja nicht immer durchgesetzt werden können.

Also ich schaue mir nur die Programme der großen Parteien an, aber die Postreihe ist eine Aktion mit einer weiteren Bloggerin, die sich auch den kleineren Parteien angenommen hat. Tabea hat zum Beispiel darüber geschrieben, wieso man kleine Parteien wählen sollte, das Programm der Grünen und Linken vorgestellt und auch Interviews mit einer Gründen-Abgeordneten und der Tierschutzpartei geführt ;). Falls du ihre Beitärge auch gerne einmal lesen möchtest, hier hier Blog: https://habutschu.com/

Dankeschön auch für deinen Link, das werde ich mir auch noch genauer anschauen.

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Linni says September 24, 2017

Hallöchen,
ein wirklich toller und informativer Beitrag!

Liebst Linni
http://www.linnisleben.de

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