Buchempfehlung: Die große Inflation: Als Deutschland wirklich pleite war von Georg von Wallwitz


Von der Aufmachung her ein eher unscheinbares Buch. Aber auch hier bewahrheitet sich der Spruch, dass man nicht vom äußeren auf das innere schließen sollte. Ich hatte das Buch online als Weihnachtsgeschenk in letzter Minute erworben und durfte es schon einmal für den Beschenkten Probe lesen.

Inhalt

Aufgrund des etwas umgangssprachlichen Titels schloss ich, dass Georg von Wallwitz die Hyperinflation in Deutschland analysieren würde, aus historischer Perspektive. Meine Einschätzung war nicht falsch. Aber zum Glück behandelt Wallwitz thematisch wesentlich mehr. Er beschreibt dem Leser auf etwas über 300 Seiten wunderbar plastisch und verständlich, wie es zur Hyperinflation in Deutschland 1922/23 kommen konnte.

Wobei er den Begriff Hyperinflation kaum verwendet. Denn das Thema des Buches ist nicht das Ergebnis, sondern der Weg dorthin. Von Wallwitz beschreibt die Rahmenbedingungen und Entscheidungen, die dazu führten, dass sich eine Inflation entwickeln konnte, die letztlich zu einer Hyperinflation wurde.

Interessant ist hierbei aber auch, dass von Wallwitz immer wieder den Blick auf die europäischen Nachbarländer wirft. Auch dort gab es (hohe) Inflation. Die teilweise, wie in Österreich, zu einer Währungsreform führten. Hieraus ergibt sich die zentrale Frage des Buches: Was unterscheidet die deutschen Inflationserfahrungen von denen der Nachbarländer in dieser Zeit nach dem Ersten Weltkrieg? Erfahrungen, die sich so in das kollektive nationale Finanzgedächtnis geprägt haben, dass sie zu einem vollkommen anderen Geld(politik)verständnis geführt haben als in den Nachbarländern. Um diese Frage zu beantworten, spannt der als Investor tätige Philosoph und Mathematiker Georg von Wallwitz einen sehr weiten Bogen.

Zeitlich beginnt er mit seiner Erzählung mit der Finanzierung des Ersten Weltkrieges und einer Beschreibung des damals herrschenden Gesellschafts- und Politiksystems. Den erzählerischen Spannungsbogen hält er aufrecht, indem er über die für das Buch relevante Zeit hinweg, vier Männer, ihren Lebenslauf und ihre Entscheidungen als Fixpunkte und „Akteure“ in den Vordergrund stellt. Diese vier Hauptakteure bildeten der damalige Reichsbankpräsident Havenstein, der Industrielle und Exporteur Hugo Stinnes („König der Inflation“), Walther Rathenau, ein Industrieller, Schriftsteller und Außenminister, sowie der Ökonom und spätere Politiker Karl Helferich. 

Bewertung

Das Buch ist jedem Wirtschafts- und Geschichtsinteressiertem Leser zu empfehlen. Es vereint in einer herrlichen Weise einen anschaulichen Erzähl- und Schreibstil mit einer unheimlichen Detailverliebtheit, in Bezug auf historische Ereignisse und die volkswirtschaftlichen Fachbegriffe zum Thema Inflation. Man kann auch sagen, die Begrifflichkeiten zum Thema (z. B. Quantitätsgleichung des Geldes) und Ökonomen, deren Namen man heute in den VWL-Büchern und Vorlesungen nur kurz erwähnt werden. Oder die eine Infobox gewidmet bekommen, erwachen hier zum Leben. Für mich als Leser wurde hier wieder deutlich, dass Volkswirtschaft eine „lebendige“ Wissenschaft ist, die eine hohe Schnittmenge zu angrenzenden Disziplinen, wie der Politikwissenschaft oder generell den Sozialwissenschaften aufweist.

Bei aller (berechtigten) Kritik an den ökonomischen Modellen, sie wurden von den damaligen Top-Ökonomen entwickelt, um unter damaligen wirtschaftlichen Gegebenheiten die Probleme darzustellen und Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. In heutiger Zeit haben wir andere wirtschaftliche und auch politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, so dass die Modelle nicht mehr korrekt passen. Aber das ist auch der Sinn der Wissenschaft. Und ergibt sich ebenfalls aus der Definition eines Modells: Ein (ökonomisches) Modell ist ein unvollkommenes Bild der Realität.

In diesem Sinne ist es Aufgabe der volkswirtschaftlichen Forschung, die bisherigen Erfahrungen umzusetzen und weiterzuentwickeln. Damit heute -auf Basis der jetzt aktuell wieder aufkommenden Inflation durch die stark gestiegenen Energiepreise- das Inflationsproblem besser gelöst wird als wie es in dem Buch von von Wallwitz so anschaulich dargestellt wird.

Denn dort wird auch herausgearbeitet, dass volkswirtschaftliche Entwicklungen – wie die Entwicklung der Inflation zur Hyperinflation- das Ergebnis der Entscheidungen von vielen Menschen sind. Im Sinne des Themas sind es hier Entscheidungsträger bzw. wichtige Einflussgrößen aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Keine einzelne Entscheidung hätte damals zu der Hyperinflation führen müssen. Aber wie das Zusammenspiel dieser Entscheidungen und Lösungen von scheinbar völlig voneinander unabhängigen Themenfeldern (z. B. Steuerreform, Verhandlungsführung Reparationszahlungen, Exportorientierung Wirtschaft) hierzu in kleinen Schritten beiträgt, das ist das Besondere dieses Buches. 

Der zweite Punkt ist, dass in der Regel dann nur noch ein Tropfen reicht, der das Fass zum Überlaufen bringt. In dem Buch stellt dies die Ermordung von Walther Rathenau dar. Sein Tod führte für die damalige Bevölkerung zum vollständigen Vertrauensverlust in die Leistungsfähigkeit des Staates. Und damit auch in die Geldpolitik der Reichsbank. Ökonomisch gesprochen, führte die Ermordung von Rathenau zur Lüftung des Schleiers der Geldillusion für die Menschen. Wirtschaft und wirtschaftliches Handeln basiert damit auch immer auf Psychologie und Vertrauen. Wie die deutsche Historie am Beispiel der Hyperinflation gezeigt hat.

Kritik

In der Regel versuchen historische Bücher immer einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Was lässt sich aus der Vergangenheit lernen? Georg von Wallwitz deutet diesen Gegenwartsbezug an verschiedenen Stellen an und geht dann im letzten Kapitel ausführlich darauf ein. Da Deutschland mit der Einführung des Euro seine eigenständige Geldpolitik auf die EU-Ebene verlagert hat, bietet sich ein Vergleich mit der europäischen Ebene. Mehrfach vergleicht der Autor -etwa bei den Steuerausführungen- das damalige deutsche Kaiserreich mit der heutigen EU-Situation. Und auch die EU-Antworten -etwa auf die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 oder aktuell die Corona-Hilfen- finden Eingang in seine Ausführungen. Interessant ist vor allem noch einmal, seine Erläuterung zu „Narrativen“.

Die EZB wurde ursprünglich nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank aufgebaut. Und sollte dem „deutschen Narrativ“ folgend, ausschließlich der Sicherung der Preisniveaustabilität dienen. Nun zeigt von Wallwitz aber sehr nachvollziehbar, dass und warum andere europäische Mitgliedsstaaten einem anderen Narrativ folgen. Beispielhaft erlebte auch Österreich nach dem Ersten Weltkrieg eine heftige Inflation, was zu einer Währungsreform führte. Es gab dort aber nie diesen absoluten Zusammenbruch des wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen Lebens. Die Wirtschaftskrise mit der Deflation, durch die Hitler an die Macht gelangte, kam erst wesentlich später. 

So erklärt von Wallwitz, haben sich die unterschiedlichen Einstellungen zu Geld, Sparen und Geldpolitik bzw. auch Gefahren und Nutzen von Inflation in den EURO-Staaten entwickelt. Dies nachvollziehbar und sehr erhellend, ob hieraus allerdings auf eine vollständige Vergemeinschaftung der europäischen Finanzpolitik (nicht der Geldpolitik) geschlossen werden kann, sollte man als Leser zumindest kritisch hinterfragen.

So sehr ich von Wallwitz in seinen Analysen zustimmen kann, denke ich, dass der unentwegt direkte Vergleich der Wirtschaftspolitik des Kaiserreiches und Weimarer Republik mit der heutigen EU nicht gemacht werden kann. Zumindest fehlt definitiv der Einbezug der real ökonomischen Möglichkeiten der Bundesrepublik Deutschland. Im Prinzip könnte man hier bei der Theorie des optimalen Währungsraumes andocken, die u. a. erklärte, was den EURO vom US-Dollar auf Basis des Währungsraumes unterscheidet.

Es gibt viele wirtschaftliche Gründe, die es sich lohnt nachzuschauen. Auf Basis des Buchvergleiches fällt mir aber spontan ein, dass das 1870/71 gegründete deutsche Kaiserreich die Bildung einer Nation darstellte. Und folgte damit auch einem Zeitgeist. Trotz aller korrekten benannten Probleme des Nationalstaates gab es eine nationale Identität in der damit deutschen Bevölkerung. D. h. es gab es gemeinsame Öffentlichkeit, die zudem nicht durch Sprachbarrieren in der breiten Masse beeinträchtigt wurde. Dies ist und wird auch auf absehbare Zeit ein Problem der EU bleiben. Die Bildung einer breiten europäischen Öffentlichkeit, die der EU-Zentralisierung zustimmt, ist notwendige Bedingung für die Entwicklungen oder auch Lösungen, die der Autor am Ende des Buches vorschlägt.



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