22. März 2022

Ceteris-Paribus-Bedingung: Definition, Hintergrund, Bedeutung und Kritik

Lesezeit:  Minuten

Die Ceteris-Paribus-Bedingung bedeutet „unter sonst gleichen Umständen“ und ist für die ökonomische Modellbildung von zentraler Bedeutung. In diesem Artikel erläutern wir euch die Definition, Hintergründe und Kritikpunkte der Bedingung. Außerdem ordnen wir ihre Bedeutung in den wirtschaftshistorischen Kontext ein. 

Definition

Ceteris-Paribus-Bedingung (oder auch Ceteris-Paribus-Klausel genannt): Sie nimmt, unter sonst gleichen Umständen, bis auf eine variable Größe alle anderen Einflussfaktoren als konstant an und entwickelt unter dieser Annahme eine Theorie.

Anders formuliert:

Ceteris-paribus-Klausel: Eine Veränderung der unabhängigen Variablen x um eine Einheit, führt zu einer Veränderung der abhängigen Variable y, unter sonst konstant gehaltenen Bedingungen.

Der Begriff „ceteris paribus“ stammt aus dem lateinischen und bedeutet „unter sonst gleichen Bedingungen“. Die Definition erlaubt drei Schlussfolgerungen, welche zentral für die ökonomische Modellarbeit sind.

Als Beispiel nehmen wir die Verwendungsgleichung des Bruttoinlandsproduktes in einer geschlossenen Volkswirtschaft:

Y = C + I + G

 

BIP = Konsum + Investitionen + Staatsausgaben

  1. Es wird nur eine ausgewählte Variable verändert (z. B. die Investitionen I)
  2. Man betrachtet die Auswirkung dieser Veränderung auf das Gesamtsystem. Dies wäre hier das BIP Y.
  3. Alle übrigen Variablen bleiben konstant (C und G)

Als Forschungsfrage formuliert: Wie verändert sich das BIP, wenn ceteris paribus („unter sonst gleichen Umständen“) die Investitionen steigen oder sinken?

Aufgabe und Bedeutung der Ceteris-Paribus-Klausel 

Die obige Definition der ceteris-paribus-Bedingung hat gezeigt, dass sie im Bereich der Methoden angesiedelt ist. Sie zielt darauf, komplexe Zusammenhänge auf einen einfach zu analysierenden Zusammenhang zu reduzieren (Wenn x sich ändert, wie ändert sich dann, ceteris paribus, Y?). Sie ist damit zentral für die ökonomische Modellbildung.  

Aufgrund ihres Charakters wird die Ceteris-Paribus-Bedingung in so gut wie allen makroökonomischen und auch mikroökonomischen Modellen eingesetzt. Während meines Studiums lernte ich die Klausel in der Makro I-Veranstaltung kennen, als es um den Zusammenhang zwischen Ersparnissen und Investitionen ging. Aber auch, wenn die Bedingung nicht explizit genannt wird, so verwendet man sie doch. Z. B. in der Mikroökonomik, wenn man Konsum- oder Produktionsentscheidungen analysiert. Die dortigen Optimierungsprobleme beschränken sich in der Regel auf zwei Güter, die konsumiert werden können, um den Nutzen zu maximieren. Oder: wie verändert sich die Konsumentscheidung für die beiden Güter, wenn der Preis von Gut 1 steigt?

Aber nicht nur in der (theoretischen) ökonomischen Modellanalyse findet man die ceteris-paribus-Klausel. Auch in der Ökonometrie findet man sie. Im Prinzip ist sie dort meines Erachtens sogar verständlicher zu beobachten als in der Theorie.

Volkswirte versuchen -wie jede andere Wissenschaftsdisziplin- ihre Thesen und ökonomischen Modelle mit Daten zu überprüfen. Hierzu nutzen sie in der Vergangenheit Regressionsanalysen. Vereinfacht formuliert werden hier Modelle, wie z. B. die eingangs gezeigte BIP-Gleichung, mit Daten gefüllt. Empirisch wird dann analysiert, um wie viel % z. B. Y steigt, wenn die Investitionen um 1 % steigen. Alle übrigen Variablen bleiben konstant.   

In der ökonomischen Analyse ist außerdem eine Unterscheidung zwischen Partialanalyse und allgemeinen Gleichgewichtsmodellen geläufig. Der Unterschied zwischen diesen beiden Ansätzen besteht in der Gültigkeit der Ceteris-Paribus-Bedingung. 

Hintergrund: Wirtschaftshistorische Einordnung Ceteris-Paribus-Klausel 

Marschall führte die ceteris-paribus-Bedingung in die Volkswirtschaftslehre ein. Geschichtlich ist sie damit in die Zeit der Neoklassik und der „marginalen Revolution“ einzuordnen. Die Neoklassik beschäftigte sich hauptsächlich mit mikroökonomischen Fragestellungen. Die Konzepte der Haushalts- oder Unternehmenstheorie stammen aus dieser Zeit. Ebenso wie die Konzepte der Konsumenten- und Produzentenrente. Die Neoklassik stellte damit eine Ergänzung der Klassik dar, die sich eher mit makroökonomischen Fragestellungen, wie Wachstum und Handel, beschäftigt hatte. Die Ergänzung und das Kernmerkmal des neoklassischen Ansatzes bestanden nun darin, dass, 

  1. Das Individuum im Mittelpunkt steht und ein Optimierungsproblem mit Nebenbedingungen gelöst werden muss
  2. Es werden Gleichgewichte analysiert, entweder einzelne Marktgleichgewichte (Partialanalyse) oder die Gesamtheit aller Märkte (Totalanalyse)
  3. Das Prinzip des methodologischen Individualismus angewendet wird. D. h. in Ergänzung zu Punkt 1, müssen alle ökonomischen Phänomene durch individuelle Handlungen erklärt werden können. Es können damit auch überindividuelle, makroökonomische Tatbestände analysiert werden. Allerdings müssen sie auf sicheren mikroökonomischen Annahmen stehen. 

Die Bedeutung der Ceteris-Paribus-Klausel findet man im zweiten Punkt:

Man nutzte sie ursprünglich, um bei der Analyse von Marktgleichgewichten zwischen Partialanalyse und Totalanalyse zu unterscheiden:

Partialanalyse: Die Partialanalyse betrachtet das Verhalten einzelner Wirtschaftssubjekte oder einzelner Märkte mit nur einem homogenen Gut. Bei den Wirtschaftssubjekten geht man vom sogenannten Homo Oeconomicus aus. Und es gilt die ceteris-paribus-Bedingung: Änderungen im (einzelnen) Untersuchungsgegenstand haben keine oder nur geringfügige Auswirkungen auf den Rest der Volkswirtschaft. Demnach kann es auch keine Rückwirkungen auf den Untersuchungsgegenstand geben.

Ein Beispiel für die Partialanalyse ist das Gebiet der Arbeitsmarktökonomie. Hier werden häufig Rückkopplungseffekte auf andere Märkte ausgeblendet. (Hinweis: Hiermit sind nicht die Makro-Modelle gemeint, die den Arbeitsmarkt mit einschließen).

Totalanalyse: Die allgemeine Gleichgewichtstheorie untersucht die Volkswirtschaft als Ganzes. Sie verzichtet auf die ceteris-paribus-Klausel und damit auf die Ausklammerung von Zusammenhängen zwischen einzelnen Erklärungsfaktoren.

 Ein Beispiel für die Totalanalyse ist das Gebiet der klassischen Außenhandelstheorie.  

Anwendungsbeispiele Ceteris-Paribus-Bedingung 

Im Folgenden zählen wir die Bereiche auf, in denen euch die ceteris-paribus-Bedingung begegnet. Im Prinzip kann man sagen: (fast) überall! Aufgrund des starken neoklassischen Einflusses und der Bedeutung der Mikroökonomie zur Erklärung des Verhaltens von Wirtschaftssubjekten sind die Anwendungsbeispiele und Anwendungsgebiete zahlreich. Aber auch in der Makroökonomie findet man sie. Einzige Voraussetzung: Die Fragestellung ist Partial- und nicht Totalanalytisch. 

Beispiel Marktanalyse PKW-Markt: Ein beliebtes Beispiel ist in Deutschland die Nachfrageentwicklung auf dem PKW-Markt. Diese Entwicklung basiert auf der Entscheidung der Konsumenten. Aus modelltheoretischer Sicht gehen in diese Entscheidung ein, z. B. die Präferenzen und der Preis des PKW, sowie generell das zur Verfügung stehende Einkommen bzw. Budget. Unter Berücksichtigung der ceteris-paribus-Bedingung wendet man für die Nachfragebestimmung nun ein einfaches Optimierungsproblem aus Sicht des Konsumenten an, welches man schließlich aggregiert, auf die Marktebene überträgt. 

 Auf Grundlage des entwickelten Modells können jetzt ceteris paribus Fragen untersucht werden, wie:

  • Wenn das Budget der Konsumenten steigt, wie entwickelt sich die Nachfrage nach dem PKW-Modell?
  • Wenn der Preis für das PKW-Modell steigt, in welchem Umfang reduziert sich die Nachfrage nach dem Modell?   

Je nach betrachtetem Markt ist das Prinzip in dieser einfachen Form immer dasselbe. Ihr könnt dies auf jeden Markt bzw. Sektor anwenden (z. B. Arbeitsmarkt, Kreditmarkt, Agrarsektor). Auch in der Makroökonomie werden z. B. mit der IS-Kurve, der LM-Kurve, oder dem IS-LM-Modell immer einzelne Märkte betrachtet, wie der Güter- oder Geldmarkt.  

Kritik

Die Kritikpunkte an der ceteris-paribus-Klausel entsprechen generell denjenigen an der Neoklassik. Denn die Klausel stellt ursprünglich das methodische Hilfsmittel dar, um die Überprüfung ökonomischer Modelle zu ermöglichen bzw. zu vereinfachen.

Per Definition ist ein Modell ein unvollkommenes Abbild der Realität. Und die ökonomischen Modelle der Neoklassik und ihrer Annahmen sind seit langem heftiger Kritik ausgesetzt. Prominentestes Beispiel ist hierfür die Kritik am Homo Oeconomicus.

Die Hauptkritik an der ceteris-paribus-Bedingung kann damit entsprechend formuliert werden, dass sie es Ökonomen ermöglicht, in ihren Modellen „reales“ menschliches Verhalten auszuklammern. Damit einhergehend fand eine „Mathematisierung“ des Untersuchungsgegenstands statt. Ökonomische Modelle werden nur noch als eine Ansammlung von mathematischen Gleichungen verstanden. Der dritte Kritikpunkt besteht darin, dass man bezweifelt, dass einzelne Variablen in komplexen Modellen überhaupt isoliert betrachtet werden können. In der Ökonometrie zeigt sich dies in vielfältigen Diskussionen und Veröffentlichungen zum sogenannten endogeneity bias. Vereinfacht formuliert, versucht man zu analysieren, ob die einzelnen Variablen tatsächlich nur ihren eigenen Effekt auf die Zielvariable abbilden. 

In der ökonomischen Diskussion entzündete sich diese Kritik hauptsächlich an dem Umgang mit dem Preis in den Analysen zum Marktgleichgewicht. Das Marktgleichgewicht wird durch eine Angebots- und eine Nachfragefunktion bestimmt, die jeweils vom Preis abhängig sind. In den Modellen wird angenommen, dass die Preise gegeben sind. Die Kritik besteht nun an dieser „Preisnehmerannahme“. Die Preise sind nicht unabhängig von den Konsumenten und Produzenten. Im Gegenteil entstehen sie in einem komplexen Preisfindungsprozess. 

All diese Kritikpunkte bieten Raum für Weiterentwicklungen und Forschungen, um die Marktprozesse möglichst real abzubilden. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die ceteris-paribus-Bedingung es als „methodischer Kniff“ ermöglicht, einen guten Einblick in fundamentale ökonomische Beziehungen zu erhalten. Trotz aller Kritik bestreitet niemand die Logik wichtiger Konzepte, wie Preiselastizitäten, Monopole oder auch das Konzept ökonomischer Renten (Konsumenten- und Produzentenrente).  

Zusammenfassung

  • Die Ceteris-Paribus-Bedingung bedeutet „unter sonst gleichen Umständen“ und ist für die ökonomische Modellbildung von zentraler Bedeutung. 
  • Sie vereinfacht komplexe Zusammenhänge und isoliert den zu untersuchenden Gegenstand. Sie stellt dar, welche Auswirkung eine Änderung von Faktor A auf Faktor B hat, unter sonst gleichen Umständen.
  • Die Ceteris-Paribus-Klausel wurde von Alfred Marshall als methodisches „Hilfsmittel“ eingeführt. Sie ist damit zentraler Gegenstand der Neoklassik.
  • Die Ceteris-Paribus-Bedingung ist das Unterscheidungsmerkmal zwischen Partial- und Totalanalyse. Letztere berücksichtigt die Bedingung nicht.
  • Die Kritik an der ceteris-paribus-Bedingung spiegelt die Kritik an den Annahmen der Neoklassik wider: Unrealistische Annahmen in Bezug auf die Modellbildung (Die Realität ist viel komplexer) und Verhalten von Wirtschaftssubjekten, Reduzierung Ökonomie auf mathematische Gleichungen, Isolierung von Faktoren, bzw. das Ausklammern von Interdependenzen in der Realität nicht möglich.

Literatur


  • Ekkehart Schlicht: Grundlagen der ökonomischen Analyse. Rowohlt, 1977.
  • Söllner, F: Die Geschichte des ökonomischen Denkens, 3. Auflage, SpringerGabler, 2012.
  • Woll, Artur. Volkswirtschaftslehre, Franz Vahlen, 2014. 

Über die Autorin: 

Nadine Behncke

Promovierte Volkswirtin und überzeugte Europäerin. Ihre Schwerpunkte sind die Entwicklung und Herausforderungen der EU mit ihren Auswirkungen und Folgen auf Deutschland und seine Bevölkerung. Sie schreibt auf Think About zu Politik, Wirtschaft & Geschichte in Europa, um Wissen zu vermehren und zur Diskussion beizutragen.


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